Auszug aus dem Newsletter März 26
Angst haben ist für die allermeisten Menschen eine leichte Übung … und Himmelherrgott, was für ein Schisser ich selbst bin!
Und das ist erst einmal gar nicht so schlecht, denn Angst sichert seit „immer“ unser Überleben. Sie ist oft eine schnelle und berechtigte Reaktion auf das, was uns
von außen bedroht – auf Unsicherheit, Gewalt, Ausgrenzung oder konkrete Gefahren. So ist Angst kein persönliches Versagen, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt. Angst macht uns
wach und handlungsbereit. Menschen, die einmal echte Lebensgefahr erlebt haben, berichten oft davon, dass die Angst ihnen in diesem Moment schier übermenschliche Kräfte verlieh. Manche suchen
diesen Zustand sogar freiwillig: das Adrenalin-High. Denn Angst hält nicht nur lebendig, sie macht uns unsere Lebendigkeit sehr bewusst. In der
Menschheitsgeschichte war Angst deshalb nicht selten der zündende Funke für Veränderung und Innovation, sie tritt aber auch immer wieder als Muse für Kunst und Kultur auf -und zwar auf der ganzen
Welt. Die Angst gehört (zu) uns.
Gleichzeitig hat Angst natürlich eine weniger hilfreiche Seite: Angst ist oft ein Lügner. Statt uns handlungsfähig zu machen, redet sie uns unsere eigene Ohnmacht ein. Sie lässt uns auch da, wo keine reale Gefahr besteht, fliehen oder erstarren. Oder kämpfen. Wenn sie das Steuer übernimmt, werden wir nicht nur leichter manipulierbar, sondern manchmal selbst manipulativ, denn wir haben das Gefühl, unseren eigenen Wert verteidigen zu müssen. Plötzlich wird das Gegenüber eher zur Bedrohung als zum Mitmenschen. In uns setzt dann eine Art Verhärtungsmechanismus ein: Mein Selbstwert darf nicht ins Wanken geraten, also sichere ich ihn ab, notfalls mit Ellenbogen. Angst trennt Menschen voneinander.
But what about LOVE?!
Die Liebe. Alter Falter. Jetzt wird’s richtig kitschig.
Während Angst meist eine unmittelbare Reaktion auf äußere Umstände ist, darf Liebe unsere eigene Entscheidung sein. Und damit meine ich viel mehr als romantische
Liebe. Ich meine eine Selbstliebe, die anerkennt: Meine Angst hat Gründe. Eine Begeisterung für das eigene Tun, die nicht ständig fragt, ob es „reicht“. Ich meine elterliche Liebe, die auch
Dauer-Übermüdung nicht schönredet, sondern verzeiht. Ich meine auch die Glücksgefühle eines Spaziergangs in der ersten Frühlingssonne. Das Faible für seltsame Sammelobjekte. Die Leidenschaft für
ein Thema, ein Hobby, eine Idee. Die Entscheidung, im Vertrauen darauf, dass das Ziel sich lohnt, neue Wege zu gehen … oder stehenzubleiben und den Moment zu genießen. Ich meine einen
liebevollen, solidarischen Blick auf uns selbst und auf andere.
Liebe bringt den Mut fast reflexhaft mit sich. Nicht unbedingt als lauten Superhelden-(Doppel-)Wumms, sondern oft als leise Widerständigkeit.
Liebe sucht Verbindung. Gerade deshalb kann sie Konflikte aushalten, ohne uns in eine manipulierte Harmonie zu zwingen. Liebe interessiert sich wirklich für den
anderen Menschen – nicht nur für die Bestätigung, die man vielleicht von ihm bekommen könnte.
Den Raum, den Liebe einnimmt, kann Angst nicht so leicht kapern. Eigentlich.
Denn ja, manchmal sind die Startbedingungen bescheiden. Manchmal füllt die Angst einen bereits komplett aus und es scheint umöglich, da noch etwas Platz für Liebe
zu schaffen. Und doch: Solange wir leben, scheint ja irgendwo in uns eine kleine, beharrliche Zelle von Liebesmut zu sein … Wie bei der Raupe, die sich verpuppt und in ihrem Kokon auflöst. Der
Kokon ist gefüllt mit Glibber, von dem eigentlichen Tier scheint nichts übrig. Nur ein winziger Teil der Raupe bleibt erhalten. Daraus wächst ein Schmetterling. Aus Glibber und einer Hoffnung auf
Flügel.
Jupp. Kitschig. Ich hab euch gewarnt.
- Und mal ehrlich: Angst-Glibber als Grundlage für ein beflügeltes Leben … geht das auf?
Bleiben wir beim Schmetterling. Damit seine Metamorphose gelingen kann, braucht er zwe Dinge: einen schützenden Kokon und Zeit. Was wir für eine mutige, liebende
Gesellschaft brauchen, sind dann vielleicht auch sichere Räume und Geduld?
Anders als beim Schmetterling ist die Angst-zu-Liebe-Verwandlung leider kein einmaliger Prozess. Wir hatten es ja schon: Bisschen Angst ist immer – und das ist auch
okay so.
Aber anders als beim Schmetterling ist ja auch das: Wir dürfen (müssen!) aktiv entscheiden, wieviel Zellwachstum die Liebe bekommt. Wir dürfen uns gezielt sichere
Räume suchen und uns immer wieder Zeit zur Ent-Glibberung geben.
Und natürlich auch dies: Wir dürfen uns für die Liebe zueinander entscheiden – und uns dafür einsetzen, dass es die richtigen Kokons für unsere
Mitmenschen gibt. Wir dürfen nicht nur mit uns selbst, sondern auch miteinander geduldig sein.
Hier liegen vielleicht die größten Potenziale von Theaterarbeit und Pädagogik (im weitesten Sinne): Weltrettung ist wohl eher nicht möglich – die Ursachen für Angst
kann auch die talentierteste Theaterpädagogin nicht per se alle ausräumen. Aber Theater und Pädagogik können Räume schaffen, die Zeit zum Flügelwachstum bieten. Räume, in denen Angst gezeigt,
geteilt, gespielt, verhandelt werden kann. Räume, in denen fest davon ausgegangen wird, dass da viel mehr ist als Glibber – und in denen mit Begeisterung neue Flügelfarben erwartet werden.
Liebe-volle Räume.

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