Together we can

Auszug aus dem Newsletter August 2025

In einem Podcast hörte ich neulich einen Vergleich, den ich spannend fand: Wenn man in Berlin ein Teppichgeschäft eröffnen möchte, macht man eine Marktanalyse - welcher Stadtteil hat am wenigsten Teppichgeschäfte? Wenn man im persischen Raum ein Teppichgeschäft eröffnen möchte, geht man selbstverständlich in die Straße, in der alle anderen Teppichgeschäfte nebeneinander sind.

In unserer Gesellschaft geht es viel darum, sich gegen andere durchzusetzen. Das ist nicht nur in der Freiberuflichkeit so, es beginnt spätestens in der Schule. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass es uns wie ein nicht zu hinterfragendes Naturgesetz vorkommt. Tief in unserem Unterbewusstsein ist es verankert: Wir müssen es allein schaffen. Wir müssen es besser machen als andere. Härter kämpfen, länger schuften, spannendere Newsletter schreiben.... Im Konkurrenzkampf werten wir (absichtlich oder unabsichtlich) nicht nur unser Gegenüber ab, sondern sind auch maximal unfreundlich uns selbst gegenüber. Denn im Kampf allein sind nicht nur nur die Erfolge unser Verdienst, sondern auch jeder kleine Misserfolg. 
Wie hilfreich kann da ein Perspektivwechsel sein.

Auch in der Theaterarbeit und in der Pädagogik ist Kooperation statt Konkurrenz dringend notwendig. Immer wieder treibt mich und viele Kolleg*innen die Frage um: Was braucht ein Mensch, um (freiwillig!) zu kooperieren? Maike Plath (Theaterpädagogin und ehem. Lehrerin) ist sich da zum Beispiel schon lange sicher: es braucht mindestens ein großes Maß an Selbstbestimmung für jedes einzelne Mitglied einer Gruppe. Das klingt auf den ersten Blick paradox - jedoch nur solange, wie man davon ausgeht, dass diese Selbstbestimmung des Einzelnen automatisch Konkurrenz bedeutet. Wenn wir jedoch begreifen, dass Konkurrenz kein Naturgesetz ist, sondern das Kooperieren tief in uns eingeschrieben ist, können wir verstehen, dass freudige Kooperation dann am besten gelingt, wenn wir uns sicher und angenommen fühlen. 
Oft wird uns ja das Gegenteil erklärt: Entweder heißt es "Jede*r ist sich selbst der*die Nächste." - da geht es um klare Abgrenzung zu den anderen, besonders aber nach 'unten' (man sieht es derzeit auch wieder besonders an den von vielen Entscheidungsträger*innen geführten Bürgergeld-Debatten und finanziellen Kürzungen) ... oder es wird ein großes Maß an Selbstaufgabe gefordert. Das geht vom sturen Regeleinhalten (besonders beliebte Regel: "Das war schon immer so, deswegen muss es auch so bleiben!"), über Selbstoptimierung bis hin zur 'freiwilligen' Opfergabe für das 'Richtige'
So wird vermeintliche Kooperation zur Bedrohung, wenn eigene Grenzen, Bedürfnisse und Ideen kaum zählen. Umso wichtiger ist es, Erfahrungsräume zu schaffen, die zeigen: Kooperation ist keine Gefahr für dein Selbst. Du kannst jederzeit für dich einstehen, ohne Ausschluss oder Sanktionen zu fürchten. Mit diesem Maß an Selbstbestimmung begreifen wir wieder, dass wir Menschen als soziale Wesen gerne miteinander wirksam sind.

Selbstbestimmung bedeutet auch: erkennen, was ich (nicht) will und begreifen, dass sich das immer wieder ändern darf. Das ist mitunter gar nicht so einfach, vor allem dann, wenn man es gewohnt ist, den Blick mindestens zur Hälfte immer darauf zu richten, sich gegen andere durchzusetzen (oder vielleicht: darauf zu hören, was andere einem erklären, wie man sich durchsetzt), statt die eigenen Bedürfnisse und Ideen unbekümmert zu erforschen.

Ich bin dankbar, im letzten Jahr Unterstützung erfahren zu haben (und noch zu erfahren), die nicht nur fragt: Was willst Du? Sondern auch mit einem absolut konstruktiven Optimismus: Wie schaffen wir das? 
Ich glaube fest daran, dass diese Herangehensweise zumindest ein ganz wesentlicher Baustein ist, um in diesen oft herausfordernden Zeiten den Weg zum eigenen "Teppichgeschäft" zu erkennen, nicht nur auf beruflicher Ebene. So kann eine bunte Straße entstehen, in der die schönsten, verschiedenartigen Teppiche hängen und ein jeder hat seine Berechtigung.
Mit meiner theaterpädagogischen Arbeit möchte ich - um in der Allegorie zu bleiben- gern eine Teppich-Knüpfer-Werkstatt bieten, mit vielen Möglichkeiten, die eigenen Muster zu entdecken.

 

 

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