"Menschen suchen Menschen"

Auszug aus dem Newsletter Februar 2024

 

"Menschen brauchen Menschen" - diesen Grundsatz zum Marketing (wir Sozialen sagen ja lieber „Öffentlichkeitsarbeit“ dazu) hörte ich neulich in einem Workshop von der Business-Beraterin Nadine Krischker.
Der Ausspruch, so wenig er auch eine wirklich neue Erkenntnis darstellt, hat sich mir eingebrannt und bewegt mich auch in Bezug auf meine theaterpädagogische Arbeit. Es handelt sich dabei ja nicht nur um einen gewieften Trick, um mehr Kund*innen zu erreichen, sondern auch um eine bestimmte Art, unser Menschlichsein und unser Menschheit-sein zu betrachten. Der Mensch als Herdentier, das den Kontakt mit anderen Lebewesen so dringend braucht.
„Leben ist auf Leben angewiesen“, das sagt auch der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs.
Jene Aussage ist nicht nur romantisch, sondern mitunter sogar schmerzhaft. Sie macht uns in ihrer Konsequenz unsere eigentliche Verletzlichkeit und Abhängigkeit bewusst. Wir können uns nicht (gänzlich) lossagen von den sozialen Strukturen und Machtverhältnissen, in denen wir alle stecken. Wir sind darauf angewiesen, von anderen Menschen akzeptiert zu werden. Wir haben in unserer Existenz als soziale Wesen niemals die volle Kontrolle. Und natürlich – das ist besonders in der pädagogischen Arbeit ein nicht zu vernachlässigender Fakt – stehen wir in diesem Verhältnis auch immer auf der anderen Seite: Unsere Mitmenschen sind auch auf uns angewiesen, oft haben wir Macht über andere, entscheiden wir (mit), wer unter welchen Bedingungen akzeptiert wird. Auch diese Erkenntnis kann schmerzvoll sein. Viel lieber sähen wir uns ja permanent in der Rolle der Guten, Helfenden, Reflektierten und Toleranten. Wir wollen nicht (mit)schuldig sein für den Schmerz anderer – was natürlich gut ist, aber eben nicht dazu führen darf, jene Empfindungen abzusprechen und/ oder unsere eigene Verantwortung zu negieren.
Um hier noch ein drittes Zitat in den Topf zu werfen:
„Wie glücklich der, der einen Schmerz hat, wenn ihm etwas fehlt.“ (Erich Fromm)
Schmerz – nicht nur der körperliche – ist nie das ursächliche Problem, sondern ein Symptom für jenes. Er ist ein deutliches Warnsignal, dass etwas nicht stimmt und damit (in einem begrenzten Maß) auch ein hilfreiches Gut. Wie stark die Auseinandersetzung mit Schmerz möglich ist, hängt selbstredend von verschiedenen persönlichen Ressourcen ab. Es sei ausdrücklich gesagt, dass es ohne Frage auch Schmerzen gibt, die in ihrer Wucht nur noch zerstörerisch sind und eine Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem verunmöglichen. Und selbst für relativ geringe Schmerzen kann Ablenkung/Verneinung zu einem gewissen Grad für eine gesunde Psyche sprechen, die in der Lage ist, sich selbst zu schützen.  
Es geht in Bezug auf das Fromm-Zitat und auch hinsichtlich des mitunter erschreckenden Gedankens, voneinander abhängig zu sein, nicht etwa um falsch verstandene "Achtsamkeit", die eine Fokussierung auf ein Problem zur Folge hat, sondern im ersten Schritt schlichtweg um dessen Akzeptanz. Und im zweiten, dritten, vierten … schließlich um einen konstruktiven Umgang bis hin zur eventuellen Überwindung damit: Wie schaffen wir (zum Beispiel als Theaterpädagog*innen) Räume, in denen Menschen nicht nur entspannt andere Menschen suchen können, sondern sich auch gerne und mutig finden lassen? Dafür gibt es natürlich nicht die eine Antwort.
Eine „Beispiel-Antwort“ ist für mich aber Selbstwirksamkeit:  ein kraftvolles tool, das einerseits durch das menschliche Zusammenleben bedingt wird, aber uns auch befähigt, dieses Zusammenleben aktiv zu gestalten.


In den letzten Tagen und Wochen habe ich selbst im Kontakt mit anderen Menschen so viel Bestärkung für meine freiberufliche Tätigkeit bekommen, dass es mir zeitweise völlig surreal vorkommt. Ich spüre, wie es die Ausrichtung meiner Ziele und Werte beeinflusst und mich froh neue Wege erdenken, planen und gehen lässt. Vielen Dank.

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