Zwischen Potenzial, Verantwortung und Demut

Auszug aus dem Newsletter September 2023


CONTENT-HINWEIS
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Im folgenden Text wird mehrfach ein Vergleich zu psychischen Erkrankungen (speziell PTSD/PTBS) zitiert. Wenn ihr euch damit nicht gut fühlt, überspringt gerne diesen Text.

 
Überall liest und hört man es: das Theater steckt in der Krise, und auch die Theaterpädagogik ist davon betroffen. Seit der Pandemie bleiben Zuschauer*innen und Teilnehmer*innen weg, das scheint ein (mindestens) deutschlandweites Phänomen zu sein. Und wir – diejenigen, die von Kunst und (Sozio)Kultur leben, müssen uns selbstkritisch fragen: Woran liegt das?
Natürlich, das merkt wohl fast jede*r (auch ich) – von einem wirklich beängstigenden, weltweiten Problem ins nächste zu schlittern, und dabei trotzdem noch den Alltag meistern zu müssen, das macht extrem müde. Die Kraftreserven, aber auch andere Ressourcen wie Zeit und Geld, sind bei vielen nahezu aufgebraucht. Dann noch in einen Theaterabend oder sogar in einen mehrwöchigen Kurs zu investieren, scheint einfach nicht drin.
Klaus Hurrelmann (Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler) fasste kürzlich die Ergebnisse der Studie „Jugend in Deutschland“ wie folgt zusammen:
„Die Coronapandemie hat bei allen Altersgruppen zu schweren Einschnitten des normalen Lebensrhythmus geführt. Viele Menschen haben das Gefühl, aus dem Tritt geraten zu sein, die Kontrolle verloren zu haben, sie sind erschöpft. Man kann eine Analogie zum Krankheitsbild der posttraumatischen Belastungsstörung ziehen […] Wir haben es mit einer psychisch sehr belasteten, sehr erschöpften Bevölkerung zu tun. Die bräuchte jetzt eigentlich Ruhe. Aber stattdessen stehen wir vor den nächsten Krisen […] Auch diese Krisen können von einem Individuum nicht mit eigenen Ressourcen bewältigt werden. Es ist die nächste Überforderung.“   (Quelle)
Hat das Theaterspielen dem nichts entgegenzusetzen? Während den ersten Corona-Wellen hörte man, wie sich viele Kulturschaffende beschwerten, weil man sie nicht per se als „systemrelevant“ einstufte (eine Geschichte für sich). Aber wenn doch das Theater und die Theaterpädagogik so viel können, wie wir es gern glauben möchten – müsste dann jetzt nicht unsere Stunde schlagen? Ist jetzt nicht eigentlich der Bedarf an empowernden, gemeinschaftlichen Erlebnissen und Kreativität so groß wie selten zuvor? Müsste es nicht eine riesige Nachfrage an erlebbaren Utopien und spielerischem Ausprobieren geben? Ist nicht auch gerade das gemeinsame (Theater)Spielen ein ideales soziales Übungsfeld nach dem langen 'Rückzug ins Private'? Und bräuchten wir nicht gerade jetzt auch gestaltbare Gefäße für all unsere Ängste und Hoffnungen? Klaus Hurrelmann gibt entsprechend mit seiner Analogie zu einer gesellschaftlichen posttraumatischen Belastungsstörung auch ein paar grobe Hinweise, welche Grundsätze zum Überwinden massiver Einschnitte hilfreich sind:
"Das heißt, dass drei Dinge wichtig sind. Dass ich als Mensch erstens das Gefühl brauche, ich kann die Welt verstehen, dass zweitens die Herausforderungen, die vor mir liegen, machbar sind, und dass drittens das Ganze auch Sinn macht, es sich also lohnt, in die Zukunft zu investieren. [...]  der wichtigste Schritt ist, wieder die Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen. Dazu muss ich das Trauma, was mich umgeworfen hat, verstehen. Ich muss anerkennen, dass es jetzt Bestandteil meines Lebens ist und ich damit leben muss. Wichtig ist dabei, dass ich nicht ständig an das Ohnmachtsgefühl erinnert werde.
(ebd.)
Mal angenommen, es stimmt also, dass das gemeinsame Theatermachen hier großes Potenzial zur Unterstützung hat, kommen mir dazu mehrere Gedanken:
1. Unsere Theaterpädagogik ist (trotzdem) noch immer nicht die ultimative Rettung einer komplexen Welt. Wir können Angebote machen, aber wie eine liebe Freundin un Kollegin dazu neulich meinte "Vielleicht braucht es auch einfach noch mehr Zeit?". Heilung geschieht für jede*n im eigenen Tempo und mit eigenen Mitteln. Das gilt es zu respektieren.
2. Wenn das gemeinsame Theatermachen so viele Chancen bietet, und trotzdem selbst das einstige Stammpublikum bzw. die treuesten Teilnehmer*innen wegbleiben, bedeutet das vielleicht auch: Die schon immer recht hohe Schwelle zu Theater und anderen Kunstformen ist für die meisten aktuell unüberwindbar geworden. Und wir, die wir jenseits dieser Schwelle stehen müssen uns ernsthaft fragen: Wie kriegen wir diese Barrieren endlich weg, ohne uns selbst komplett aufzuopfern? Verbindlich oder sogar regelmäßig an Veranstaltungen teilnehmen zu können, war schon immer ein Privileg, selbst wenn es sich um kostenlose Angebote handelt. Nun scheint dieses Privileg noch elitärer verteilt. Welche Konsequenzen müssten wir als Anbieter*innen daraus ziehen?
3. Vielleicht müssen wir uns noch stärker besinnen: Was haben wir gerade jetzt zu bieten? Wie und wo bieten wir das an? Aber auch: Welche Verantwortung können und wollen wir übernehmen (und welche nicht)?

Meine Überlegungen dazu sind noch nicht abgeschlossen und vielleicht habt ihr ja Lust, mir eure Positionen dazu zu schreiben. Ich freue mich, von euch zu lesen.

 

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